Duftmarketing: Nicht für alle Nasen schön

Viele Unternehmen nutzen Duftmarketing, weil Düfte unsere Emotionen ansprechen. Für einige Menschen ist der künstliche Duft beim Einkaufen oder im ärztlichen Wartezimmer aber alles andere als ein Vergnügen.

Die Nase galt lange als unterschätztes Sinnesorgan, so beschreibt es der Geruchsforscher Dr. Hanns Hatt, Lehrstuhlinhaber für Zellbiologie an der Ruhr-Universität Bochum. Er gilt weltweit als Pionier der Duftforschung. Eines seiner prägendsten Forschungsergebnisse: Insgesamt sollen sich rund 350 Sensoren in Lunge, Haut, Darm und weiteren Geweben befinden, die Duftmoleküle in den Blutkreislauf aufnehmen können. „Jeder Duft, den ich einatme – egal ob künstlich oder natürlich – ist nach kurzer Zeit im Blut nachweisbar und breitet sich im ganzen Körper aus“, erläuterte der Duftforscher in einem Interview mit der Bio-Zeitschrift Schrot&Korn.

Die Nase kann mehrere Millionen Düfte unterscheiden, das hat auch Einfluss auf unsere Emotionen. Dieser Einfluss ist laut des Geruchsforschers auf den direkten Draht des Geruchssinns zu den ältesten Arealen des Gehirns zurückzuführen. Eine geminderte Riechfähigkeit kann beispielsweise auch als Merkmal für eine Depression gelten. Vor allem aber wecken Gerüche durch die direkte Verbindung zum limbischen System auch Erinnerungen. Eingeatmete Gerüche wandern so gewissermaßen ungefiltert zum Hippocampus, der Erinnerungen formt, und der Amygdala, die dabei hilft Ereignisse emotional zu bewerten. Diesen unterbewussten Vorgang nutzt das Duftmarketing aus.

Künstliche Düfte sind überall

Ob Supermärkte, Hotels, Bekleidungsgeschäfte oder Waschmittelhersteller: Sie alle haben sich die Fähigkeiten unserer Nase zunutze gemacht. Beim Duftmarketing werden so zum Beispiel bestimmte Gerüche über Klimaanlagen, Beduftungssäulen oder Diffuser ohne das Wissen der Kundinnen und Kunden in den Verkaufsräumen versprüht. So wollen Geschäfte das Kauferlebnis verbessern, aber auch unangenehme Gerüche überdecken. Der Deutsche Allergie- und Asthmabund (DAAB) hatte im Zuge einer Umfrage von 2008 jedoch herausgefunden, dass ein Großteil der Unternehmen selbst kaum über die Inhaltsstoffe und deren potenzielle Risiken informiert waren. 60 Prozent der Unternehmen reagierten zudem überhaupt nicht auf Anfrage des DAAB.

Duftmittel-Hersteller geben wenig über die konkreten Inhaltsstoffe bekannt. Quelle: Unsplash/Fulvio Ciccolo

Keine gesetzlichen Richtlinien beim Duftmarketing

„Anders als bei Kosmetikprodukten müssen Hersteller im Bereich des Duftmarketings die Verwendung von Duftstoffen nicht kennzeichnen“, erläutert die Chemikerin Silvia Pleschka, die als Wissenschaftliche Mitarbeiterin beim DAAB tätig ist. Zum Teil warnten Raumduft-Hersteller auf ihren Produkten zwar vor allergischen Reaktionen, machten jedoch keine konkreteren Angaben zu den Inhaltsstoffen. „Es gibt 26 allergieauslösende Duftstoffe, jedoch existieren 3000 weitere Duftstoffe, für die keine Kennzeichnung verlangt wird“, so Pleschka. Die Duftmittel bestünden zudem meist aus Gemischen aus mehreren hundert Einzelstoffen, deren Zusammensetzung als streng gehütetes Geheimnis der Hersteller gelte. „Es existiert keine wirkliche Transparenz.“

Für Duftstoffe, von denen über zehn Tonnen pro Jahr produziert werden, müssen Hersteller gemäß der EU-Chemikalienverordnung REACH, Informationen zur Exposition und Wirkung auf Menschen und Umwelt vorlegen. Laut DAAB greife diese Regelung jedoch für die meisten Duftstoffe nicht, da diese in geringeren Mengen produziert werden.

Wenn Düfte den Alltag einschränken

Abgesehen von den Inhaltsstoffen ist auch über die Menge und zeitlichen Intervalle der Duftabgabe nicht viel bekannt. Menschen, die mit Kopfschmerzen, Atemproblemen, Reizhusten und Schwindel auf Duftstoffe reagieren, sind von einer sogenannten Duftstoffunverträglichkeit betroffen. Besonders schwer treffe es Menschen mit hyperreagiblen Atemwegen, Asthmatiker und Asthmatikerinnen sowie Personen mit einer Multiplen Chemikalien-Sensitivität (MCS), erklärt Pleschka. „Bisher existiert keine Leitlinie zur Behandlung von Duftstoffunverträglichkeit. Die Vermeidung von Duftstoffen ist aktuell das Einzige, was hilft. Das schränkt die Betroffenen jedoch enorm ein.

„Die Vermeidung von Duftstoffen ist aktuell das Einzige, was hilft.“

Dr. Silvia Pleschka, Deutscher Allergie und Asthmabund E.V.

So könnten die Betroffenen bestimmte Geschäfte nicht mehr betreten und müssten beim Kauf von Produkten sehr achtsam sein. „Privat können die Betroffenen auf Kosmetika oder Waschmittel mit Duftstoffen verzichten, aber wenn selbst Arztpraxen ihre Wartezimmer beduften, macht es das sehr schwer. Eine Duftstoffunverträglichkeit stellt das ganze Leben auf den Kopf“, führt Pleschka aus.

Auch auf natürliche Duftstoffe reagieren Allergiker und sensibilisierte Personen. Quelle Unsplash/Gemma Evans

Mehr Aufklärung, mehr Transparenz

Duftstoffe gehörten jedoch auch zu häufigen Auslösern von Kontaktallergien, weshalb die 26 allergenen Duftstoffe bei Hautpflegeprodukten von den Herstellern gekennzeichnet werden müssten. „Nur auf diese wird auch beim Arzt getestet. Es existieren aber insgesamt über 3000 unterschiedliche Duftstoffe. Deswegen ist es besser direkt alle zu meiden“, sagt Pleschka. Bereits der Hinweis „Kann allergene Duftstoffe erhalten“ würde die Situation für Betroffene erleichtern.

Gerne würde die Chemikerin die DAAB-Umfrage von 2008 deshalb wiederholen. „Bereits vor 13 Jahren haben viele Einrichtungen und Geschäfte ihre Räume beduftet. Ich gehe davon aus, dass die Anzahl noch gestiegen ist. Die meisten Unternehmen wissen sicherlich, dass Duftmarketing nicht gesundheitsfördernd ist“, so Silvia Pleschka. Viele Unternehmen wollten, so vermutet sie, den Einsatz von Duftmarketing jedoch auch weiterhin nicht zugeben.

Silvia Pleschka hofft deshalb auf mehr Rücksicht für Betroffene. „Die Personen, die die Duftstoffe vertragen und mögen, sollen diese auch genießen können. Grundsätzlich bin ich gegen Duftmarketing und für gesunde unbelastete Luft.“ Einen kompletten Verzicht halte Silvia Pleschka jedoch nicht für nötig, allerdings sollten besonders Arztpraxen, Krankenhäuser und Pflegeheime auf Beduftung verzichten. „Wie wir während der Corona-Pandemie gelernt haben, minimiert Lüften die Keimbelastung. Das ist besser als schlechte Gerüche einfach zu überdecken. Vor allem muss aber auch die Transparenz für die Zusammensetzung und den Einsatz von Beduftung wachsen.“


Warum veröffentlicht eine Naturseifen-Manufaktur einen Beitrag über Duftmarketing?

Natural Pure Solids-Inhaberin Heike Schumacher findet, dass die Nase beim Kauf von Kosmetikprodukten bei vielen Kundinnen und Kunden die entscheidende Rolle spielt. „Bei der Kaufentscheidung ist immer auch der Geruch involviert. Wenn dieser uns nicht gefällt, kaufen wir auch das Produkt nicht. Doch der Geruch ist eigentlich nur sekundär, als Erstes sollte die Wirkung der Produkte eine Rolle spielen. Bei meinen Seifen, Shampoos und Deos habe ich die ätherischen Öle immer in erster Linie aufgrund ihrer Wirkung ausgewählt.“

Gerade Zitronenöl, das als sehr beliebter Duftstoff gelte, habe eine eher geringe Wirkung, während Rosmarin, Lavendel oder das teure Rosengeranium mit ihren positiven Effekten vielfältig einsetzbar seien. Zudem seien die synthetischen Duftstoffe oft auch weit entfernt vom Geruch der echten Pflanze. „Ich würde mir wünschen, dass die Menschen in den Düften auch die Pflanze wiedererkennen und nichts anderes hinzugemischt wurde. Für mich steht die Pflanze im Mittelpunkt und nicht ihr Duft.“


Mit der Welt der Düfte haben wir uns einem vielfältigen Themenkomplex zugewandt und werden uns deshalb in den kommenden Wochen auch tiefergehend mit ätherischen Ölen auseinandersetzen.

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